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Woran denken Sie bei den Worten Knast, VerbrecherIn, Strafvollzug,…usw? Wenn mir in meinem Alltag diese Worte begegnen, dann denke ich zuerst an mein Praxissemester und an Begegnungen mit Menschen, die mich wohl für mein ganzes Leben tief beeindrucken werden. Ich denke an die vielen Gespräche, an belastende, an freudige, an bewegende, ja sogar an befreiende, aber auch an schmerzliche und ratlose Momente in meiner Zeit in der JVA Chemnitz Reichenhain.
Von Februar bis Juli 2009 absolvierte ich im dortigen Sozialdienst mein sozialpädagogisches Praxissemester. In der JVA Teilanstalt Reichenhain werden Haftstrafen bis zu fünf Jahren, über fünf Jahren bis Lebenslänglich, Jugendstrafen, Ersatzfreiheitsstrafen, sowie Untersuchungs- und Abschiebehaft an weiblichen Gefangenen vollzogen. Mein Einsatzbereich erstreckte sich überwiegend auf den Bereich der Untersuchungshaft, der Jugendstrafhaft und den Langstraferinnenbereich. Darüber hinaus hatte ich jedoch auch die Möglichkeit, den offenen Vollzug mit Mutter-Kind-Station, sowie den Jugendarrest und den Bereich der Seelsorge innerhalb der Strafhaft an männlichen Gefangen in der Teilanstalt Chemnitz Kaßberg kennen zu lernen. Doch was hat das nun mit „Menschen wie du und ich“ zu tun? Heute denke ich, dass es vielleicht genau diese Frage war, welche mich während meines Praktikums immer wieder begleitet hat. Ich meine damit zunächst nicht die theologische Frage, was der Mensch vor Gott sei und was sich daraus für die Beziehungen von Menschen untereinander ergibt. Vielmehr geht es zunächst darum, mir selbst und meinem Verhalten auf die Spur zu kommen, ohne dass ich diesem vorher durch wohlklingende und fromme Sätze eine zu bestätigende Erwartungshaltung auferlege. Dies erforderte in meinem Falle nicht nur ein hohes Maß an Selbstreflexivität, sondern ebensoviel Mut und Willen zur Selbsterkenntnis, um die Spannungen und Differenzen in meiner Selbstwahrnehmung auszuhalten. Dies tritt vor allem dann zu Tage, wenn ich mich im Kontext des Strafvollzugs auf die Suche nach der religiös und damit auch anthropologisch aufgeladenen Frage von Schuld begebe. Aus meiner Selbstdefinition und meinen Zuschreibungen von „Gut“ und „Böse“ auf mich und mein Gegenüber, entscheidet sich aus meiner Sicht maßgeblich, wie ich dem Anderen, egal ob Christ oder Muslim, „Unbescholtener“ oder „Knacki“, begegne. Ist mein eigenes gut und böse Sein abhängig davon, dass ich Mensch bin, oder davon, was ich als Mensch tue? Vielleicht ist die Frage auch falsch bzw. unzureichend gestellt. Vielleicht sind Unterscheidungen wie Gut und Böse nicht nur unabhängig von dem, was ich als Mensch tue, sondern als unterscheidendes Kriterium sogar gänzlich unzureichend. Dann sind diese Zuschreibungen für mich im Alltag eine Art Krücke, welche nur Ausdruck meines menschlichen Unvermögens sind, alles zu erkennen. Ich muss das „Böse“ nicht mehr von mir und meinem Menschsein trennen, damit ich ihm als ein von mir und Gott grundsätzlich unterschiedenes Gegenüber in ablehnender Haltung begegnen kann. Dann ist der Teufel nur noch eine leere Projektionsfläche und kann getrost zu Grabe getragen werden. Wenn ich mit diesem Bewusstsein auf andere Menschen zugehe, ohne dabei ihr Tun und Lassen zu verharmlosen, sondern sie in ihrer Vielschichtigkeit wahrnehme, sie mir zum Spiegel meines eigenen Seins werden lasse, dann ereignen sich neue Begegnungen. Wenn ich lerne, mich in dieser Begegnung im Anderen auch selbst und mein eigenes Menschsein neu zu erkennen, bekommt meine Welt eine andere Tiefe. In meiner Zeit in der JVA bin ich nicht nur einer spannenden und wertvollen Arbeit, sondern auch mir selbst und ebenso spannenden und wertvollen Menschen begegnet. Menschen wie Du und Ich? Diebstahl, Betrug, Drogenhandel, Misshandlung und Tötung – Menschen wie Ich und Du? Symptome des Menschseins in der Entfremdung von Gott, in meiner Entfremdung? Nein? Nun gut, dann lassen sie uns getrost den ersten Stein werfen…
Christoph Schwarzbach, geb. 1986, ist Studierender an der Fachhochschule Moritzburg im 6. Fachsemester. Fragen, Anregungen und Kritik an: ch.schwarzbach@googlemail.com
| Von Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, am
26.10.12 |
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